Rock, Schwei? und Ruinen

Der Tagesspiel, 2002-10-21, by: Andreas Conrad and Kai M?ller
Am Sonntag pr?sentierte Bruce Springsteen in Berlin seine Songs zum 11. September. Kurz vor dem Konzert sprach er ?ber die Last der Verantwortung
Schwei? aus allen Poren. In Str?men rinnt er ?ber den K?rper, tropft zu Boden, das Hemd gl?nzt, als sei es aus schwarzem Leder. 53 Jahre alt soll der da auf der B?hne sein? H?pft, springt, jagt von einer Seite zur anderen. Das kennt man ja, hat es schon zigmal gesehen, live oder im Fernsehen. Doch mit jedem Mal steigt der Respekt. Rein physisch betrachtet.

Wer das l?ngst ausverkaufte, einzige Deutschlandkonzert von Bruce Springsteen gestern Abend in Berlin nicht sehen konnte, hatte immerhin Gelegenheit, sich vor dem Bildschirm zu tr?sten: MTV hatte dessen Auftritt in Barcelona schon am Freitagabend gesendet, und weil's so sch?n war, am sp?ten Sonnabend gleich noch einmal. Nils Lofgren machte wieder auf Rock?n?Roll- Piraten mit Kopftuch, als ginge es gleich zur Schatzinsel, lieferte sich wilde Gitarrenduelle mit dem Meister der E Street Band, der zwischen alten Smash Hits und den Songs seiner aktuellen und seit Wochen die Hitparaden dominierenden CD, ?The Rising?, hin- und hersprang.
Kurz vor dem Berliner Konzert sitzt ?der Boss? in den kargen Katakomben des Velodrom leibhaftig, aber ein wenig ersch?pft auf einer ramponierten Instrumentenkiste. Das blasse Neonlicht l?sst ihn ?bern?chtigt aussehen. Die ?rmel seines weinroten Baumwollhemdes sind nach oben gekrempelt, die Jeans speckig und zerschlissen, und die schwarze Nadelstreifen-Weste, die in der amerikanischen Pop-Mythologie den Hobo und Vagabunden kennzeichnet, tr?gt er auch. Es ist nur ein kurzer Zwischenstopp auf dem Weg vom Soundcheck zur Garderobe, aber immerhin, ?der Boss? gew?hrt einem kleinen Kreis von Journalisten eine kurze Audienz.
Zu bereden g?be es genug: Hat Springsteen mit ?The Rising? doch ein ?u?erst komplexes Album ?ber den 11. September und dessen Folgen vorgelegt, das von ?Newsweek? als ?opportunistischer Kitsch? abgetan, von anderen als epochales Meisterwerk gefeiert wurde. Doch gilt der Star nicht als gro?er Redner. Schon gar nicht in eigener Sache und auf einer Tournee. So sitzt er ein wenig gebeugt zwischen den fl?chtig abgestellten Ger?tschaften seines Rock?n?Roll- Trosses und kratzt sich am Kinn.

Macht es einen Unterschied, die Songs von ?The Rising? vor Publikum zu spielen?

Oh, ich wei? nicht. Normalerweise kommen Leute zu Rockkonzerten und machen: Aaahhh!

Machen Sie w?hrend der Konzerte Ansagen, die uns ?ber die Hintergr?nde der Songs aufkl?ren?

Nein. Das ist nicht n?tig. Ich habe diese Songs nicht in einer neuen Sprache geschrieben. Sie setzten nur fort, was ich in den vergangenen Jahren schon ausgedr?ckt habe und was jetzt, nach dieser Katastrophe, eine Menge Leute wieder h?ren wollten. Aber wenn Songs gut sind, dann sollten sie sich von den Umst?nden, unter denen sie entstanden sind, l?sen.

Was ist das f?r ein Gef?hl, gebraucht zu werden?

Als wir jung waren, machten sich die Band und ich keine Gedanken ?ber unsere Wirkung. Wir wollten lediglich unsere Fingerabdr?cke in der Imagination anderer hinterlassen. Und wir wollten etwas Unterhaltsames und N?tzliches machen. So tun wir einfach unseren Job.

Rock?n?Roll kann so einfach sein. Die Erinnerungen an den 11. September sind es nicht. Und Springsteen, der sich auf die herzzerrei?enden Schicksale der Opfer einlie?, wei?, dass seine Mittel begrenzt sind, das Geschehen zu verarbeiten. So wird er immer stiller. Er kann nur grundlegende Antworten geben ? laut und direkt.

Notes

Topic

2002-10-20 Velodrom, Berlin, Germany