Dann ist wieder September

Berliner Zeitung, 2002-10-22, by: Frank Jungh?nel
Bruce Springsteen hat bei seinem Konzert in Berlin einen zwiegespaltenen Eindruck hinterlassen
Es war ein umwerfendes Konzert, aber kein gro?artiges. Es wurde ein langer Abend mit Bruce Spring-steen und der E-Street-Band, aber es wurde nicht die wunderbare Nacht, die man hier gern erlebt h?tte, an genau diesem Tag, zu dieser Stunde, in diesem Berlin. Das Wunderbare l?sst sich nicht erzwingen, es geschieht von ganz allein und niemals l?sst es sich vorhersehen - das ist in der Rockmusik nicht anders als im richtigen Leben. Bruce Springsteen hat sich dazu verpflichtet, jedes Mal, wenn er auf die B?hne geht, das Wunder zu vollbringen, mehrere tausend Menschen, die er nicht kennt, die er kaum sieht, h?rt und sp?rt, gl?cklich zu machen. Das ist seine Mission. In den bisherigen drei?ig Jahren seiner Missionarst?tigkeit ist er sehr erfolgreich gewesen. In seinen besten Momenten gelingt es ihm, die Masse an Publikum, die er vor sich wahrnimmt, mit einem Song oder einer Geste in Individuen aufzul?sen - so dass man als Mensch in der Menge pl?tzlich an sich selber glaubt. Genauso war es diesmal. Nur, so viele beste Momente gab es nicht. Das ist nun kein Ungl?ck, sondern einfach auch Geschmackssache.

Seit einer Woche befindet sich Springsteen auf einer kurzen Tournee durch einige europ?ische St?dte, um f?r sein Album "The Rising" zu werben. Was er eigentlich nicht n?tig h?tte, denn die CD rangiert auf allen wichtigen Charts ganz oben. Berlin sollte die einzige Station in Deutschland sein, das lassen sich die Fans nicht gefallen. Muss der Berg seine Sachen packen und zum Propheten fahren. Vielstimmig schwirrten vor Konzertbeginn im Velodrom die Dialekte rundherum. Publikum aus allen Richtungen war angereist, auch aus dem befreundeten Ausland. Holl?nder machten sich bemerkbar, polnische Nachbarn und D?nen. Auf dem Schwarzmarkt gab es Karten zu 75 Euro. Da kann man nicht klagen. Das Spekulantenpack hatte sich eine ganz andere Handelsspanne ausgerechnet.

Als Springsteen vor drei Jahren in Berlin spielte, es war ein herrlicher Sommertag, hatte er sich - nach einer l?ngeren Zeit der k?nstlerischen Depression - kurz zuvor mit seiner regul?ren E-Street-Band wieder vereinigt. Sie waren damals jung wie lange nicht, es gab kein neues Album, es gab nichts zu bedenken, es regierte die Lust an der Lust.

Jetzt ist alles anders. "The Rising" handelt vom 11. September. Dieser Septembertag von New York, mit allem, was ihm vorausging, was ihm folgte und wom?glich in n?chster Zeit folgen wird, eignet sich, so man es ernst meint, wenig f?r eine Rock-Show. Springsteen meint es ernst, daran darf man nicht zweifeln. Wer, wenn nicht er, w?re aufgerufen, die Nation zusammenzusingen, die f?r einen Augenblick so ratlos in der Weltgeschichte herumstand. "Reborn in the USA", titelte das Time Magazine einen Artikel ?ber die Stimme Amerikas. Als das Album im Sommer herauskam, war dieser Augenblick der Orientierungslosigkeit l?ngst vorbei. Wenn Springsteen seine Hymnen nun auf der B?hne auff?hrt - so muss man es schon nennen -, wirkt deren unter Umst?nden berechtigtes Pathos schwer ertr?glich.

Mit den messianischen September-Songs "The Rising" und "Lonesome Day" nimmt Springsteen einen programmatischen Anlauf in die Show. Wir sind heute nicht zum Spa? hier. Es dauert fast drei?ig Minuten, ehe Springsteen zum ersten Mal lacht. Das ist dann wirklich eine Erl?sung. Vorher hatte er ein hartes "The Ties that bind" hingehauen, hatte die an sich fragile und einzigartige Ballade "Atlantic City" brachial verrockt, um dann allerdings f?r ein erstes Wunder dieses Abends zu sorgen. Nach einer dringenden Bitte um Ruhe im Saal tr?gt er gemeinsam mit seiner Ehefrau Patti Scialfa an der Gitarre "Empty Sky" vor. Auf dem Album ein breit produzierter Rocksong, gewinnt die Geschichte eines Menschen, der an einem Tag alles verloren hat, in dieser zur?ckgenommenen Begleitung auf einmal eine Wahrhaftigkeit, die man ihr nicht zugetraut h?tte. Das Gleiche passiert anschlie?end mit "You re missing", die Band steigt ein, und sie spielt jetzt wirklich, statt zu performen. Nils Lofgren, dieser sensible Gitarrist, bedient vorsichtig seine Slide-Guitar; Danny Federici orgelt die alte Hammond hoch und runter, der Schlagzeuger Max Weinberg drischt einmal nicht wie ein Batterie-Hase seine Drums, und Clarence Clemons, die Wucht am Saxofon, bl?st leise. So sehr von Springsteen nach Jahren zerqu?lter Innerlichkeit ein Rockalbum zu w?nschen gewesen war, vielleicht w?re er dem 11. September auf diese leise, etwas schmerzhaftere Weise n?her gekommen. Aber wer wei? schon, was f?r Amerikaner gut ist.
Springsteen spricht Worte auf Deutsch zum Publikum, bedankt sich, enth?lt sich aber soweit jeden Kommentars zu den Songs. Es folgt "Waiting on a sunny Day", ein neues St?ck, das wie ein altes klingt. Die Band, bei den Rocknummern bisher in einen eher monolithischen Sound gepresst, wird lebendig. Jetzt ist endlich das zu sp?ren, was die Sensation dieser auf zehn Musiker angewachsenen Gruppe ausmacht. Wie sie die Melodien fliegen lassen, sich die Soli reichen und einer dem anderen die Show stiehlt. Jeder f?r sich nicht unbedingt ein Virtuose, gewinnen sie gemeinsam jene Grandiosit?t, die immer noch beispielhaft ist. Es k?nnte jetzt so weitergehen, "No Surrender", "Two Hearts", die Volksmusik, doch bald ist wieder September. Springsteen macht Spa?, macht Ernst. So geht es hin und her, die Dramaturgie des Konzertes erlaubt keine Fr?hlichkeit, ohne diese dunkle Ahnung, sie k?nne im n?chsten Moment ersticken. Wom?glich folgt der S?nger der Dramaturgie des Lebens.

Kurz vor Schluss setzt er sich ans Piano und singt "The Promise", zum ersten Mal ?berhaupt: es ist einer dieser Gl?cksmomente. Dann "Incident on 57th Street", die Band kann einem gestohlen bleiben, dieser Klavierabend m?sste ewig w?hren. Nein, denn es ist Zeit f?r den September, "Into the Fire". - Pathos, Melancholie und Lust, bei Springsteen immer dabei, werden an diesem Abend wie Kulissen vom Schn?rboden heruntergelassen. "Born in the USA", sagt er, singe er in Berlin "f?r den Frieden".

Notes

Topic

2002-10-20 Velodrom, Berlin, Germany